"Verfall oder Neuanfang, Biedermeier oder Revolution"

Rezession, das wirtschaftliche Auseinanderdriften der sozialen Klassen, internationaler Terrorismus und die darauf folgende martialisch-kurzsichtige Reaktion des imperialistischen Westens. Man fragt sich, ob der allenthalben gepflegte Kulturpessimismus angebracht ist. Erst die Geschichtsbücher des nächsten Jahrhunderts werden wissen, ob wir heute an der Schwelle zu einem neuen Biedermeier stehen. Oder lässt eine fern am Horizont dräuende Revolution der gesellschaftlichen Grundfeste die Luft bereits unterschwellig knistern? Werden sich zukünftige Generationen wundern, warum wir das alles nicht kommen sahen?
Welches Kulturschaffen bedingt solch ein Umfeld? Die Verschmelzung von Kunst und Kommerz, die Entwicklung neuer politischer Tabus, sowie die Unterwanderung der Bürgerrechte könnten Folge dieser eingangs genannten Rahmenbedingungen sein.
Ähnlich einem Stratigraphen untersucht der Fotograf, Bernhard Bruckner, Sedimente urbanen Kulturgeschehens im Sinne eines chronologischen Querschnitts des Zeitgeistes. Das städtische Leben ist geprägt von Schnelllebigkeit, immer neuen Sensationen und Attraktionen, die beim meist hastig vorbeilaufenden Betrachter Aufmerksamkeit zu erheischen suchen. Diese ursprüngliche Intention der affichierten Artefakte wird durch den entropischen Prozess des Verfalls konterkariert. Die dabei unvermeidliche und schleichende Transformation von Information zu Nichtinformation offenbart dem Betrachter eine verstörende und zugleich faszinierende Ästhetik des Chaos.
Bernhard Bruckner erinnert den Betrachter, der immer sowohl Subjekt als auch Objekt kulturellen Seins und Werdens ist, an seine eigene Veränderlichkeit und Vergänglichkeit. Dabei vermittelt dieses decollagierte memento mori auch die tröstliche Einsicht, dass am Ende Thanatos selbst, der auf dem Boden des Strudels der Zeit lauernd wartet, uns alle zu einem neuen Ganzen vereint.
In die Zukunft unserer Gesellschaft lassen einen auch diese Bilder nicht blicken. Wohl aber scheint es möglich, so man sich in das Zusammenspiel der Details nur lange genug meditierend vertieft,
immer wieder neue Hinweise auf Entwicklungen zu erahnen, die unser weiteres Leben prägen werden.
Mag. Thomas Wehling